Invasion der Fußballsongs
(Musik News - 11.06.2008)

Die Fußball-EM wird 2008 nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch in den Charts ausgetragen.

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Die Musikwirtschaft hat zumindest das riesige Heer der Fußballfans fest ins Visier genommen und überschwemmt den Markt wie nie zuvor mit Lobgesängen auf das runde Leder.

Erst drei Wochen vor dem Eröffnungsspiel am 7. Juni in Basel gab die UEFA bekannt, dass der in Spanien geborene und in Florida aufgewachsene Enrique Iglesias (33) mit «Can You Hear Me» die Nachfolge von Nelly Furtado antritt, die vor vier Jahren den offiziellen Song zur Europameisterschaft beisteuerte.

Bis dahin hatten viele angenommen, dass diesmal dem ebenfalls chart-sicheren Jamaikaner Shaggy (39) diese Ehre zuteil geworden sei. Inzwischen wurde allerdings offenbar, dass «Mr. Boombastic» mit seiner Single «Like A Superstar» seit Jahresbeginn nichts weiter im Sinn gehabt hat, als die Stimmung anzuheizen, um kurz darauf den EM-Maskottchen Trix und Flix den Soundtrack für ihr Video zu liefern.

Vom Österreichischen Fußballbund (ÖFB) abgesegnet und gleichzeitig zur ZDF-Erkennungsmelodie ausgewählt wurde darüber hinaus der Song «Fieber». Vorgetragen wird er von der Linzer Pop-Chanteuse Christina Stürmer (25), deren Begeisterung für «die schönste Nebensache der Welt» sich bisher allerdings in Grenzen hielt. Das ist bei ihrem Landsmann Rainhard Fendrich (53) offenbar anders. Zumindest will der altgediente Austro-Liedermacher nicht gezögert haben, als die österreichischen Nationalspieler Andreas Ivanschitz, Helge Payer und Marc Janco anklopften, um mit ihm und den Wiener Sängerknaben «Wir sind Europa» aufzunehmen. Aus der Donaurepublik lässt zudem eine Combo namens Heinz von sich hören, die das «Das Wunder von Wien» mit ihren Rockgitarren beschwört.

Die Schweiz, die das dreiwöchige Turnier gemeinsam mit Österreich ausrichtet, ist durchaus zurückhaltender. Als ihr offizieller Song hält eine neue Version von «Bring en hei» her. Mit diesem Imperativ ist der einst durch die Casting-Show «MusicStar» entdeckte Sebastian «Baschi» Bürgin (21) bereits 2006 ganz oben in der Schweizer Hitparade gelandet.

Dorthin möchte sicherlich auch der eidgenössische Eurodance-Experte DJ Bobo (40). Er steuert der EM zumindest den Stimmungskracher «Olé, Olé» bei - wenn auch nur inoffiziell.

Gleiches gilt auf deutscher Seite für Oliver Pocher (30). Anders als die Hamburger Band Revolverheld, deren vorweggenommene Ode an die «Helden 2008» den Stempel «offizieller DFB-Fan-Song» trägt und auf Anhieb auf Platz sechs der deutschen Single-Charts landete, geht der TV-Entertainer zum zweiten Mal als Fußball-Besinger ohne Auftrag an den Start. Weil schon Anfang Mai veröffentlicht, konnte Oliver mit «Bringt ihn heim», der hochdeutschen Ausgabe von Baschis bewährtem WM-Treffer, noch vor dem ersten Tor als erster in die hiesigen Single-Charts einziehen. Die WM 2006 hatte der immer noch jungenhaft wirkende Publikumsliebling aus Hannover mit «Schwarz & Weiß» beflügelt und war mit einer Goldenen Schallplatte belohnt worden.

Dass es bei einem erfolgreichen Fußballsong deutschen Zuschnitts weniger um Originalität als vielmehr um die richtige Tonlage zum kollektiven Mitjubeln im Stadion und vor den Bildschirmen geht, ist eine Erkenntnis, die Pocher keinesfalls für sich allein gepachtet hat. So gehen diesmal unter anderem Stefan Raabs ehemaliger Show-Praktikant Elton (37) mit «Allemann», der singende Kölner Friseur Tim Toupet mit «Allee Allee», Jürgen (Milski, 44) aus der ersten «Big- Brother»-Staffel mit «Deutschland ist der geilste Club der Welt» und Mallorca-Entertainer Mickie Krause (37) mit «Supa Deutschland» ins Rennen. Damit landete Krause auf Anhieb auf Platz 34 der deutschen Charts.

Doch damit längst nicht genug. Es sind so viele wie noch nie, die sich ein Stück vom großen EM-Kuchen abschneiden wollen: DJ Schnippes beispielsweise, ehemaliger Stadionsprecher bei Darmstadt 98, hat den alten Italo-Schlager «Volare» zu «Finale» umgetextet, Olaf Henning seine eigene Erfolgsnummer «Cowboy und Indianer (Komm, hol das Lasso raus)» zu «Wir hol'n den Cup nach Haus» und ein gewisser Tobee den WM-Hit der Sportfreunde Stiller zu «72, 80, 96, 2008».

Der Schlagersänger Stefan Peters (38) aus Mittelfranken sucht - unterstützt vom 80 Jahre alten Gotthilf Fischer - den Zuspruch der Massen für «Ein Stern, der über Deutschland steht», die Lollies probieren es mit einem «Adler auf der Brust» und die volkstümlichen Barden AllgäuPower fühlen sich berufen, «Wieder ein Sieg» zu propagieren.

Die Fraktion, vier Musiker aus Stuttgart und Berlin, lassen es rockiger angehen und denken sich bei «Schwarz-Rot-Gold» bestimmt nichts Böses. Die Gruppe Kunstrasen aus Osnabrück rappt derweil dem «Titel Nummer 4» entgegen, und der bayerische Comedian und Stoiber-Parodist Chris Boettcher (44) hat eine «unglaubliche Fußball Task Force» zusammengestellt, mit der er ein ganzes Album bestreitet.

Die A-capella-Band Basta aus Köln sticht aus dem weiten Feld der «Sommermärchen-Beschwörer» hervor. Der Gesangsfünfer macht sich über «Spielerfrauen» lustig. Aber dieser Titel auf Bastas aktueller CD/DVD «Wir sind wie wir sind» ist eben auch nicht als typische Fußballhymne angelegt.




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